Page 3 - Fundsachen (Leseprobe)
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Schreckmomente
Die Sonne stand Ende Juni hoch am Himmel im Südtiroler Land. Die
charakteristischen Berge und Täler der beliebten Reiseregion Trentino in
Norditalien zeigten sich von ihrer schönsten Seite. Lediglich ein paar dünne
Schleierwolken durchbrachen das strahlende Blau des Äthers.
Abgeschieden vom restlichen Ortskern des Städtchens Terlan, unweit von
Bozen, schmiegte sich die im typisch alpenländischen Stil erbaute Villa Randoni
in die reizvolle Lage, zu der zwischen Weinhängen und Apfelbaumplantagen ein
schmaler Privatweg führte.
Unbeeindruckt von der traumhaften Natur seiner Heimat, bereitete Alois
Maximilian Hofer wie jeden Mittag das Menü für seinen Chef und dessen
Familie zu. Dass er das an diesem Tag ein letztes Mal tun würde, war ihm in
dem Moment, als er den Vorspeisensalat ins Esszimmer trug, noch nicht klar.
Dabei arbeitete er gerade erst drei Monate in dem Privathaushalt des reichen
Geschäftsmannes aus Udine, der sein Domizil in dem idyllischen
Weinanbaugebiet an der Etsch unterhielt. Alois, der sich inzwischen zu einem
hervorragenden Koch hochgearbeitet hatte, verkaufte sein berufliches Können
damit weit unter seinem Niveau. Üblicherweise stellte er seine Kochkünste in
Fünf-Sterne-Lokalen oder auf Kreuzfahrtschiffen der Luxusklasse unter Beweis,
doch die Krankheit seiner Mutter zwang ihn dazu, einen Zwischenstopp in
seiner Heimat einzulegen. Solange bis sie wieder auf den Beinen war, wollte er
die Zeit vor Ort sein, gleichzeitig aber weiter Geld verdienen, denn noch war er
nicht am Ziel seiner Träume angelangt. Eines Tages würde er sein eigener Chef
sein. So sah seine Zukunftsplanung aus und dafür sparte er jeden Cent.
Durch eine Kleinanzeige in der hiesigen Tageszeitung war Alois auf die Stelle im
Privathaushalt Randoni gestoßen und war sofort genommen worden. Dass er
nur für kurze Zeit bleiben wollte, war dabei kein Hindernis. Dankbar über diese
Lösung hatte er die Stellung angenommen. Konnte er doch so zwei Fliegen mit
einer Klappe schlagen, zum Einem seiner Mutter nahe sein und zum Anderen
am Traum fürs eigene Restaurant basteln.
Die Möglichkeit, bei seinem älteren Bruder Sepp und dessen Frau Rosel in
deren Almgaststätte auszuhelfen, hatte er erst gar nicht in Erwägung gezogen.
Rosel kochte noch genauso wie vor fünfzig Jahren. Nicht nur, dass sie für
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