Page 4 - Fundsachen (Leseprobe)
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Neuerungen überhaupt keinen Sinn hatte, auch mochte sie es nicht, wenn man
ihr Anregungen gab. Egal, wie freundlich oder diplomatisch man sie ihr auch
unterbreitete, sie wollte keine Veränderung. Mit so viel Ignoranz kam Alois
nicht klar. Mit seiner Schwägerin war einfach kein Auskommen.
Er betrat das Esszimmer seines Arbeitgebers. Hier, wie im ganzen Haus, bestand
die Einrichtung aus hochwertigen Antiquitäten, edlen Lampen und kostbaren
Teppichen. Jeder Quadratzentimeter des Hauses strahlte Reichtum aus.
Antonio Randoni, seine Frau Lucia sowie die zwanzigjährige Tochter Pamela
saßen gemeinsam um den eingedeckten Tisch. Alois servierte routinemäßig
zuletzt dem Hausherrn den Vorspeisensalat. Außerdem befand sich Pepe, die
rechte Hand Randonis noch im Raum. Der stets wie aus dem Ei gepellte
Süditaliener stand neben einer Anrichte, auf der Gläser und Getränke
bereitstanden, und rührte sich nicht vom Fleck. Alois beachtete ihn nicht,
sondern fühlte nur die herausfordernden Blicke von Pamela auf sich, die an
diesem Tag eine besonders großzügig ausgeschnittene Bluse trug. Irritiert stellte
Alois den Teller vor seinem Chef ab und streifte dabei unglücklicherweise das
gut gefüllte Rotweinglas. Antonio griff geistesgegenwärtig zu und verhinderte
damit, dass sich die ganze Flüssigkeit über das weiße Damasttischtuch ergoss.
Doch dafür schwamm nun der Salat im Wein und war somit ungenießbar
geworden.
»Entschuldigen Sie bitte«, rief Alois und nahm den Teller sofort wieder auf.
»Passen Sie doch auf«, zischte ihn sein Chef mit funkelnden Augen an.
»Ich bereite Ihnen sofort einen Neuen«, beeilte sich Alois zu sagen.
»Avanti! Forza! Via!« Randoni spie die Worte geradezu aus. Er hasste es, wenn
nicht alle gleichzeitig ihren Menügang bekamen.
Alois verschwand dicht gefolgt von Pepe ohne ein weiteres Wort mit dem
verdorbenen Salat durch die Schwingtür in der Küche. Er war Hektik dieser Art
gewohnt. In einer Großküche wurde man auch nicht mit Samthandschuhen
angefasst, weshalb er Randonis Gezeter gelassen nahm. Es war für ihn nicht der
Rede wert, obwohl seine Schwester Maria darüber ganz anders dachte. Sie
hatte ihn vor der Familie Randoni gewarnt. Konkrete Gründe konnte sie keine
nennen. Nur, dass die Leute im Ort mit vorgehaltener Hand tuscheln würden.
Alois hatte das mit einem Achselzucken abgetan. Er wollte hier schließlich keine
Wurzeln schlagen. Lediglich die Zeit überbrücken, bis es seiner Mutter wieder
besser ging.
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