Page 5 - Fundsachen (Leseprobe)
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Wenn er nicht sein Bedienstetenzimmer in der Villa benutzte, wohnte er bei
Maria. Sie war die Älteste von fünf Kindern und bewohnte mit ihrem Mann und
den beiden Kindern in seinem ehemaligen Elternhaus, in dem auch seine
Mutter noch ihr Altenteil in Anspruch nahm. Verwundert über die eigene
Tollpatschigkeit schüttelte er den Kopf. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihm
so etwas je passiert wäre. Selbst während der Ausbildung nicht. Er war bekannt
für seine besonnene Arbeitsweise und die stoische Ruhe, die er ausstrahlte,
wenn er sich auf seine Aufgaben konzentrierte. Und er war konzentriert
gewesen. Pamela interessierte ihn nicht, also konnte sie ihn auch nicht aus dem
Konzept bringen. Genervt darüber, dass Pepe ihm wie ein Schatten an den
Fersen hing schob Alois den Teller mit der missglückten Vorspeise achtlos auf
den vorderen Rand der mit Küchengeräten überfüllten Arbeitsplatte. Zu spät
bemerkte er, dass er anstatt des festen Untergrunds, den Stiel eines Kochlöffels
getroffen hatte, weshalb der Teller kippte und sich der Wein über den Rand des
Tellers ergoss und am Schrank herunterlief.
Verdammt noch mal. Was war denn heute los? Es kam selten vor, dass Alois aus
der Haut fuhr, aber jetzt stand er kurz davor. Wütend holte er einen neuen
Teller aus dem Schrank und versuchte den Lackaffen hinter sich zu ignorieren.
»Wenn du was brauchst, muss du dich einen Moment gedulden«, fühlte sich
Alois genötigt zu sagen, würdigte seinen Verfolger aber keines Blickes und
machte sich daran, einen zweiten Salat für den Chef zuzubereiten. So bemerkte
er erst nach einigen Minuten, wie Randonis Assistent den im Wein
schwimmenden Salat begutachtete, so, als wollte er ein Referat über die darin
enthaltenen Zutaten halten. Dabei runzelte er die Stirn und stierte genauso auf
den Teller, wie auf den Boden, wo der Wein jetzt eine ordentliche Pfütze
bildete. Himmel nochmal, nun schob er sogar mit spitzen Fingern einzelne
Rucolaranken zur Seite. War der noch ganz knusper? Alois war kurz davor, ihn
zu fragen, ob er eine Lupe bräuchte. Wenn er etwas nicht leiden konnte, dann
das, das ihm jemand bei der Arbeit zu dicht auf die Pelle rückte und genau das
machte Pepe gerade. Was ihn aber fast noch mehr ärgerte, war die übertrieben
entsetzte Miene, die Mister Superwichtig aufsetzte. Dass der Typ immer so
einen Wind machen musste.
»Ich bringe Signor Randoni den Salat«, zischte Pepe, »ich möchte nicht, dass
nochmal was schief geht.«
Alois zuckte gleichgültig mit den Schultern und mengte unbeirrt davon den
gleichen Salat mit kundigen Griffen neu an. Kaum hatte er die Vorspeise fertig
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