Page 3 - Überraschungsgeschenke
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   Freundschaftsdienste

  Der klirrend kalte Nordwind blies Catherine Lorentz ins Gesicht, als sie die
Haustür hinter sich schloss und vorsichtig den vereisten Weg entlang zur
Frankfurter Straße ging. Bis zur Straßenbahnhaltestelle war es nicht weit. Von
da aus konnte man den Weinberg sehen. Die felsige Anhöhe ragte mitten in der
Kasseler Innenstadt, in den wolkenverhangenen diesigen Morgenhimmel, der
wenig Hoffnung auf einen sonnigen Wintertag machte. Allmählich fing die Stadt
an, wach zu werden. Ohne Babs Anruf hätte sie keinen Fuß vor die Tür gesetzt.
Es musste wichtig sein, wenn sich ihre Freundin mit ihr zum Frühstück treffen
wollte. An einem Samstag. Wo ihr sonst das Ausschlafen am Wochenende so
heilig war. Bei jedem Schritt knirschte der gefrorene Schnee unter ihren
Stiefeln. Der Frost ließ den Februar nicht aus seinen Krallen. Cathi, so wurde
sie von den meisten gerufen, konnte sich nicht erinnern, wann es zuletzt eine
so lang anhaltende Kälte gegeben hatte. Im kommenden September stand
Cathis 30. Geburtstag an, und in ihrer Erinnerung fand die weiße Pracht nur im
jährlichen Skiurlaub in Österreich statt.

  An der mit durchsichtigem Kunststoff überdachten Haltestelle angekommen,
blickte sie über den immer dichter werdenden Straßenverkehr und atmete tief
durch. Dreißig. Das Datum lag ihr schwer im Magen. Nicht wegen dem älter
werden, nein, das war nicht das Problem. Sie hasste es im Mittelpunkt zu
stehen. Und genau das würde passieren, wenn es zu einer großen Party käme.
Wieso konnte keiner verstehen, dass ihr an dem Brimborium nichts lag?

  So ist das eben mit runden Geburtstagen, die feiert man, hatte Cornelia
Lorentz lachend gemeint. Aber ich bin nun mal nicht so, hatte Cathi entgegnet.
Cathis Mutter, liebte es, zu feiern, und Gäste einzuladen. Aber vor allem genoss
sie es, sol he „E e ts“ zu pla e , u sie da geradezu zu zele riere . Da ar
es natürlich klar, dass sie eine Feier für selbstverständlich hielt. Wenn sie
einlud, verdiente sogar jedes schlichte Kaffeetrinken den Namen Fest. Cathi
kam in dieser Hinsicht so gar nicht nach ihr. Selbst Babs hatte sich bei diesem
Thema auf die Gegenseite geschlagen und mit Cornelia in ein Horn geblasen.
Gott sei Dank war es bis zum September noch ein paar Tage hin. Gut sieben
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