Page 5 - Überraschungsgeschenke
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keinen Drang danach, wieder abends um die Häuser zu ziehen, auch wenn die
Sache mit Kevin jetzt bereits mehr als zwei Jahre her war. Der Schmerz war
überwunden. Der Katzenjammer überstanden. Nur die Angst vor erneuter
Enttäuschung war geblieben. Cathi liebte es, die Dinge zielstrebig und
strategisch anzugehen. Doch für diese Art von Krise ließ sich kein
Überwindungsplan erstellen. Allein diese Einsicht war für Cathi schon schwer
genug. Das wusste jeder, der sie näher kannte.

  Das Donnern der heranfahrenden Straßenbahn holte Cathi zurück in die
Gegenwart.

  Verwundert fragte sie sich, wie sie ausgerechnet heute Morgen auf dieses
Thema gekommen war.

  Babs Nachricht auf dem Anrufbeantworter fiel ihr wieder ein. Es war der
Klang ihrer Stimme gewesen, der die Erinnerung ausgelöst haben musste. Sie
hatte genauso aufgeregt geklungen wie damals bei der Debatte um ihren
Geburtstag.

  „Du usst u edi gt ko e , hatte das Gerät vo si h gege e . Es ist
superdringend. Ich habe Neuigkeiten. Bitte sag alles andere ab, ja!? Am
Sa stag u 11 i Café Paula. I h freu i h. Bis da .“

  Die Straßenbahn fuhr vor und Cathi stieg in der Mitte ein. Der Wagon war
fast voll. Sie setzte sich hinter einen blonden schlaksig wirkenden jungen Mann,
der mit Kopfhörern im Ohr in seinem Sitz hing. Er hatte die Augen geschlossen
und wackelte mit dem Kopf im Takt zur Hip-Hop-Musik, die unüberhörbar aus
den kleinen Stöpseln drang. Irgendwie erinnerte der Typ sie an ihren
Laborkollegen Stefan. Er war genauso hager. Stefan konnte eine ziemliche
Nervensäge sein. Er bombardierte sie und ihre Kollegin Marlene häufig mit
frauenfeindlichen Emails, die an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten
waren. Vor ihrem inneren Auge sah sie wie er in seinem meistens viel zu
großen Kittel durch das Labor schlurfte, weil er nur ungern die Füße beim
Gehen hob. Niemand, der ihn so sehen würde, könnte glauben, dass hinter
dieser Fassade ein promovierter Doktor der Chemie steckte. Doch in seinem
Beruf war er ein Genie. Cathi hatte es aufgegeben zu ergründen, wie solche
extrem verschiedenen Wesenszüge in einer Person nebeneinander existieren
konnten. Dennoch empfand sie die Kombination faszinierend.
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