Page 6 - Überraschungsgeschenke
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Die Straßenbahn fuhr ruckelnd an.

  Sie vergrub die Hände in den Taschen ihrer Jacke und ließ die weiß
gepuderten Bäume an sich vorbeiziehen, während die Bahn langsam den Hügel
der Innenstadt erklomm. Die Uhr an der Haltestelle ließ sie wissen, dass ihr
noch ein wenig Zeit blieb, um ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen.

  Wenig später erreichte sie das lichtdurchflutete Einkaufzentrum in der
Königsstraße. Die warme Luft blies ihr unangenehm ins Gesicht, als sie durch
das gläserne Portal ging. Mehrere Etagen voller schicker Geschäfte luden zum
Shopping ein. Ihre Schritte verstummten auf dem Teppich der Büchergalerie.
Sofort fühlte sie sich zu Hause. Cathi konnte einfach nicht widerstehen, auch
wenn die Zeit noch so knapp war. Nur mal kurz stöbern. Zielstrebig ging sie zu
den Naturwissenschaften. Besonders Albert Einstein beeindruckte sie. Im
Moment war er gerade ihr erklärter Favorit. Sekunden später steckte sie mit
dem Kopf zwischen den Seiten eines dicken Wälzers und die Welt um sie herum
versank. Erst als der Geräuschpegel im Laden zunahm, sah Cathi erschrocken
auf die Uhr. Zwanzig vor elf. Noch mal Glück gehabt. Sie atmete erleichtert auf.
Wie schnell die Zeit verging. Eilig legte sie das Buch zur Seite und rief sich den
Anblick ihres Schreibtischs daheim in Erinnerung. Mindestens fünf neue
ungelesene Schmöker lagen dort aufgestapelt inmitten von Zeitschriften und
Ausdrucken aus dem Internet. Nicht zu vergessen, die Bücher, die sie noch
zurück in die Stadtbibliothek bringen musste. Erst vor einem Monat hatte sie
ein neues Regal aufgestellt. Und das war inzwischen ebenso bis auf den letzten
Millimeter ausgefüllt, wie alle anderen in ihrer Wohnung. Beim Anblick der
vollgestellten Wände hatte sie sich dann notgedrungen selbst ein Versprechen
abgerungen. Keine neuen Bücher mehr. Auch wenn´s noch so schwer fiel.
Seufzend ging sie zum Ausgang.

  Rechtzeitig betrat sie das gut besuchte Café Paula. Gleich im Eingangsbereich
befand sich eine stubengroße Nische, die eher einer Bäckerei als einem Café
glich. Neben frischen Brötchen und Gebäck gab es auch Kaffee und Kuchen zu
kaufen. Vor dem Tresen hatte sich eine Traube von Kunden gebildet, und das,
obwohl die beiden Bedienungen im Akkord Brötchen in die Tüten steckten.
Cathi zwängte sich an den wartenden Leuten vorbei und kam fast
augenblicklich wieder zum Stehen. Als sie sich umsah, musste sie feststellen,
dass der Strom ins Café nicht viel kleiner war. So schob sie sich mehr stehend
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