Page 3 - Sommergastspiel (Leseprobe)
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Geänderte Reisepläne

Der Koffer lag offen und bereits gut gefüllt auf dem Bett. Sarah Kunzmann
stand an diesem sonnigen Junimorgen in ihrem WG-Zimmer vor dem
Kleiderschrank und blickte unschlüssig auf die Reste ihrer überschaubaren
Sommergarderobe. Sie zog ein buntes T-Shirt-Kleid aus dem Fach, was sie seit
einer gefühlten Ewigkeit besaß. Mit dem Fuß gab sie der offenstehenden
Zimmertür einen Schubs, so dass diese zufiel. Quadratische Spiegelkacheln
kamen auf der Rückfront zum Vorschein. Mit skeptischer Miene ließ Sarah es
vor der Brust nach unten fallen. Naja, für den Strand würde es noch gehen. Ihr
Blick wanderte zu den bereits eingepackten Sachen. Oben auf lag der neue
Bikini. Ein Lächeln ging über ihr Gesicht. Sie legte das Kleid zur Seite und holte
ihn wieder hervor. Herrje, wenn sie so weiter machte, würde sie nie mit dem
Packen fertig werden. Ihre Finger fühlten das seidige Gewebe und sie dachte
daran, wie angenehm er sich auf ihrer Haut angefühlt hatte. An den Preis
mochte sie allerdings nicht mehr denken. Für ihre Verhältnisse war er sündhaft
teuer ge ese . € für so ei bisschen Stoff. Doch bei dem frechen Karo in
Pink und Marine hatte sie einfach nicht widerstehen können. Ein Teil des
angesparten Taschengeldes für den Urlaub war damit verbraucht. Aber
schließlich hatte sie den Bikini auch nur wegen der Reise gekauft. Bis heute war
es ihr ein Rätsel, wie sie in das noble Wäschegeschäft geraten war. Entgegen
ihrer sonstigen Gewohnheit war sie an diesem Tag einen anderen Weg nach
Hause gegangen. Warum, wusste sie schon gar nicht mehr. Nur, dass ihr das
Glück aus allen Poren gekommen war, daran erinnerte sie sich noch gut. Es war
am Tag nach der Bekanntgabe der Prüfungsergebnisse gewesen. Ab diesem
Moment konnte sie sicher sein, bestanden zu haben. Da durfte man doch auch
mal unvernünftig sein, oder? Und dann stand sie vor der Auslage. Bei schöner
Wäsche wurde sie immer schwach. Egal, in welchem Laden. Also war klar, nur
mal kurz am Schaufenster die Nase plattdrücken. Doch zweifellos war dies kein
Geschäft für junge Studentinnen. Eher wohl für Professorengattinnen. Und
trotzdem konnte sie nicht weitergehen. Nach dem Preis fragen war schließlich
erlaubt. Sogar erwünscht, wie die nette Verkäuferin meinte, die so ganz anders
war als das Personal in den Läden, wo sie sonst einkaufen ging. Die sehr
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