Page 4 - Sommergastspiel (Leseprobe)
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attraktive Dame um die 50 bat sie herein und fand es überhaupt nicht
merkwürdig, dass Sarah sich nur mal umsehen wollte. Nachdem die Bedienung,
vielleicht war es auch die Inhaberin des Ladens, wusste, was die junge Kundin
interessierte, legte sie eine Auswahl von Bademoden vor. Doch keiner gefiel ihr
so gut wie der Bikini im Stil der 50er Jahre aus dem Schaufenster, bei dem sie
am Ende doch geblieben war. Die nette Dame ermunterte sie, ihn
anzuprobieren. Vielleicht würde er dann gar nicht mehr so gut aussehen, hoffte
Sarah insgeheim, nachdem sie das Preisetikett entdeckt hatte. Leider stellte
sich das Gegenteil heraus. Bei dieser Figur und mit etwas Bräune würde sie
Personenschutz beantragen müssen, hatte die Verkäuferin gemeint. Sarah
nahm die Aussage schmunzelnd hin. Es war schließlich bekannt, dass in
Verkaufsgesprächen gern übertrieben wurde, insbesondere bei dem
Preisniveau. Viel mehr interessierte sie Daniels Reaktion. Dabei erwartete sie
keine großen Komplimente, der Typ war er nun mal nicht. Trotzdem freute sie
sich darauf, endlich wieder ein bisschen mehr Spaß in ihr Leben zu lassen. Die
letzten Wochen waren beherrscht von Prüfungsvorbereitungen und dem Job
im Bistro gewesen. Jetzt lag das alles hinter ihr. Noch immer konnte sie es nicht
glauben, träumte nachts von überfüllten Hörsälen und verpatzten
Diplomarbeiten. Doch mittlerweile lag die Examensurkunde in einem neuen,
extra dafür angeschafften Ordner im Sekretär. Und niemand konnte ihr diesen
Erfolg nehmen. Jetzt musste nur noch eine der Schulen, an denen sie sich
beworben hatte, eine Zusage schicken und alles, naja fast alles, wäre perfekt.
Sie betrachtete sich im Spiegel. Definitiv war jetzt erst mal Spaß dran. Sie wollte
nicht schon wieder an Pflichten denken. Ob Daniel die gleichen Sehnsüchte
hatte? Er redete nicht viel, schon gar nicht über Gefühle, doch wenn man ihn
brauchte, war er da. Das schätzte Sarah sehr an ihm. Es war so lange her, dass
sie richtig Zeit füreinander gehabt hatten. Das könnte doch reizvoll sein, ein
bisschen so, als würden sie sich wieder neu entdecken. Sie strich sich ihr volles
weizenblondes Haar zurück und band sich einen Zopf. Wenn sie nicht bald
aufhörte zu träumen, würde sie morgen noch hier stehen. Das Klingeln des
Telefons unterbrach ihre Gedanken.
„Da iel, hi, as ist los, u die Uhrzeit hast du ja noch nie angerufen. Geht´s dir
gut?“
„Ja, ja, i h i ok, a er i h uss dri ge d it dir rede .“
Er machte eine bedeutungsvolle Pause und atmete tief aus, bevor er
weitersprach.
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